Laut zweier Studien werden in Deutschland bis zu 72% aller Lymphpatienten nicht richtig oder zumindest unzureichend behandelt.

Seit mittlerweile über 40 Jahren werden Patienten mit Erkrankungen des Lymphsystems über die sogenannte ML/KPE behandelt. Die Art der Behandlung in Form der Lymphdrainage, im Zusammenspiel mit der Kompression, Hautpflege und Bewegungsübungen, wird seit 1974 durch die Krankenkassen anerkannt. Ausreichend Zeit denkt man, dass die Lymphbehandlung nicht nur ausgereift, sondern auch von Ärzten und Therapeuten in einer hohen Behandlungsqualität durchgeführt wird. Laut zweier Studien wird das allerdings widerlegt.

Seit meiner Zeit als Physiotherapeut kann auch ich von unzähligen Falschbehandlungen von Lymphpatienten berichten. Fast immer lag es an falschen Diagnosen oder der fehlenden Kompressionsversorgung. Oft wurde keine Entstauungsphase durchgeführt und damit unwirksame Kompressionsstrümpfe verordnet.

Welche Probleme sind das in erster Linie?

Ärzte: Das Thema Erkrankungen des Lymphgefäßsystems spielt im Studium immer noch keine wirklich wichtige Rolle. Eigentlich unglaublich, liegt aber an denen, die für die Inhalte des Studiums verantwortlich sind. Somit werden im Praxisalltag dann auch die Diagnosen nicht korrekt gestellt und die zugehörigen Behandlungen falsch oder minderwertig verordnet. Wenn man sich die Arztdichte in Deutschland ansieht, so fällt es schon sehr auf, dass es selber in einer Großstadt wie Berlin nur eine Handvoll an Ärzten gibt, die sich in dem Bereich wirklich auskennen.

Therapeuten: Die verordnete Lymphbehandlung dürfen nur Therapeuten durchführen, die eine Weiterbildung in der manuellen Lymphdrainage (ML/KPE) abgeschlossen haben. In der Weiterbildung wird hierbei auch die Wichtigkeit der Kompressionstherapie gelehrt. Im Alltag scheint das aber bei einer Vielzahl der Therapeuten vergessen zu sein. Woran liegt das?

  1. Das Anfertigen und Anlegen einer hochwirksamen Kompressionsbandage erfordert viel Übung und Erfahrung. Beides fehlt bei dem Großteil der Therapeuten und führt zur Vernachlässigung dieses elementaren Elements der Lymphbehandlung.
  2. Die abgeschlossene Fortbildung ML/KPE wird durch Praxisinhaber bei Job-Bewerbungen gefordert. Nur dann darf die Lymphdrainage ausgeführt und über die Krankenkassen abgerechnet werden. Diese Fortbildung wird mittlerweile als Standard gesehen, auch wenn viele Therapeuten die „Lymphdrainagen“ als eher langweilig empfinden. Das führt dazu, dass die Fortbildung oft nur aus dem Grund wahrgenommen wird, um der Anforderung auf dem Arbeitsmarkt gerecht zu werden.
  3. Die Krankenkassen zahlen im Gegensatz zur Krankengymnastik deutlich weniger für die Lymphtherapie. Damit wird die ML/KPE in der Wertigkeit herabgestuft. Damit sinkt auch die Akzeptanz für die Lymphtherapie.
  4. Auf den Verordnungen steht oftmals nur Lymphdrainage. Die Kompressionsbandage fehlt meist. Da die reine Lymphdrainage nur einen Bruchteil der kompletten Therapie ausmacht, sind die Behandlungsergebnisse entsprechend ernüchternd.
  5. Das Behandlungsintervall stimmt oft nicht mit den Erfordernissen zusammen. In der Entstauungsphase muss an bis zu 6 Tagen in der Woche eine Therapie durchgeführt werden. Auf vielen Verordnungen steht 1-2 die Woche, was eine adäquate Therapie, zumindest in der Phase 1, unmöglich macht.
  6. Die Therapeuten fordern nicht die richtigen Nachbesserungen der Verordnungen an. Oft wird hier eher auf Folgeverordnungen geachtet und nicht auf die eigentliche Verordnungsqualität.
  7. Die Materialien für eine hochwertige Kompressionsbandage kosten sehr viel Geld. Die Lymphpatienten können sich zwar den größten Teil auf Rezept verschreiben lassen, jedoch muss die Praxis für Hautpflegeprodukte, Strumpfverbände und auch die Polstermaterialien selber aufkommen.
  8. Für viele Physiotherapie Praxen lohnt sich die Lymphbehandlung rein finanziell einfach nicht. Das führt derzeit dazu, dass immer mehr Praxen keine Lymphbehandlung mehr durchführen und sich auf andere Bereiche konzentrieren.

Teufelskreislauf der Behandlungsqualität: Eigentlich befindet sich das System in einem Teufelskreislauf, der unbedingt durchbrochen werden muss. Der Arzt verordnet eine unzureichende Lymphtherapie – Der Therapeut behandelt nicht gut genug – Den Lymphpatienten wird nicht wirksam geholfen – Arzt und Patient sind unzufrieden mit dem Ergebnis – Es folgen keine weniger Verordnungen, da die Lymphtherapie ja wohl nicht zu helfen scheint.

Leider ist genau dieser Zustand Alltag in Deutschland. Aufgrund vieler Faktoren werden nicht die Behandlungsergebnisse erzielt, die eigentlich möglich sind. So kann ich durchaus den Studien folgen, die herausgefunden haben, dass bis zu 72% aller Lymphbehandlungen nicht ausreichend erfolgen.

Fazit für eine bessere Behandlung der Lymphpatienten

Ärzte müssen besser über Lympherkrankungen ausgebildet und darüber informiert werden, wie die Lymphtherapie zu erfolgen hat (Entstauungsphase & Erhaltungsphase). Lymphtherapeuten sollten einen Behandlungsstandard an die Hand bekommen, wie die Lymphpatienten zu behandeln sind. Kann der nicht gewährleistet werden, sollte der Therapeut keine Behandlungen im Patienteninteresse durchführen. Die Bezahlung der Lymphtherapie muss deutlich erhöht werden. Nur dann kann die Behandlungsqualität auf die Stufe gebracht werden, die unbedingt erreicht werden muss.

Studien:

  1. Gmündener Ersatzkasse (GEK) über die ambulante Behandlung von Lymphödempatienten „GEK-Heil- und Hilfs- mittel-Report 2008“
  2. Studie der Taunusklinik des Reha-Zentrums Bad Nauheim 2007